
Der Unterschied
Gibt es einen Unterschied?
Sind es nicht alle unsere Kinder?
Es gibt Themen, über die niemand gerne spricht. Verlust, Trauer, Schmerz. Und doch gehören sie genauso zum Leben wie Freude, Liebe und Glück. Heute will ich über ein Thema schreiben, das viele betrifft, aber oft totgeschwiegen wird: Sternenkinder.
Sternenkinder – so nennen wir die Kinder, die nicht bei uns bleiben konnten. Manche verlieren wir in den ersten Wochen der Schwangerschaft. Andere in der Mitte, wenn der Bauch schon rund wird, und manchmal erst kurz vor der Geburt oder sogar danach. Manche nennen es Fehlgeburt, andere Totgeburt. Aber ganz ehrlich: Am Ende sind es doch alles unsere Kinder, oder?
Der emotionale Unterschied
Und trotzdem – die Erfahrungen sind so unterschiedlich. Stell dir vor, du hältst einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Dein Herz schlägt schneller, du stellst dir vor, wie es sein wird, Mama zu sein. Vielleicht hast du noch gar niemandem davon erzählt. Und dann passiert es – ein paar Wochen später beginnt die Blutung. Fehlgeburt, sagen die Ärzte. Aber wie erklärst du deinem Herzen, dass es „nur“ ein früher Verlust war?
Dann gibt es Frauen, die schon den ersten Ultraschall hinter sich haben, das Herz ihres Babys schlagen gehört haben. Vielleicht haben sie sogar schon einen Namen. Der Bauch wächst, die Verbindung wird immer intensiver. Und dann... hört das Herz plötzlich auf zu schlagen. Der Schock, der Schmerz, das Gefühl, nicht genug getan zu haben – das kann einen zerreißen.
Und dann gibt es die, die ihr Kind fast bis zum Ende tragen. Manche schaffen es sogar bis zur Geburt – und dann passiert das Unvorstellbare. Sie müssen ein Kind zur Welt bringen, von dem sie wissen, dass es nicht mehr lebt. Der Moment, in dem sie es zum ersten und letzten Mal in den Armen halten, ist für immer eingebrannt.
Die Trauer ist so unterschiedlich wie die Frauen, die sie erleben. Und doch bleibt sie immer dieselbe: ein Loch im Herzen, ein leeres Kinderzimmer, eine Zukunft, die es mit diesem Kind nie geben wird.
Warum fällt uns das so schwer?
Was mich am meisten beschäftigt: Warum ist das Thema in unserer Gesellschaft so ein Tabu? Warum fühlen sich Frauen oft so allein damit?
Wenn ein Mensch stirbt, trauern wir, sprechen darüber, halten zusammen. Aber bei einer Fehlgeburt oder Totgeburt? Da wird oft geschwiegen. „War doch noch kein richtiges Kind“, sagen manche. „Du kannst ja nochmal schwanger werden.“ Als ob ein anderes Kind den Schmerz über das verlorene einfach auslöschen könnte.
Vielleicht liegt es daran, dass Sternenkinder uns an etwas erinnern, worüber wir nicht nachdenken wollen: Dass das Leben nicht immer fair ist. Dass es Dinge gibt, die wir nicht kontrollieren können. Dass Verlust nicht immer sichtbar ist.
Verlust bleibt Verlust – Egal, wie früh er passiert
Es gibt so viele Sätze, die Betroffene nach einem frühen Schwangerschaftsabbruch hören müssen:„Das war doch noch gar kein richtiges Baby.“„Du bist ja noch jung, das klappt bestimmt wieder.“„War doch besser so – das hätte vielleicht nicht gesund gelebt.“
All diese Sätze haben eins gemeinsam: Sie tun weh. Vielleicht gut gemeint, aber sie treffen genau ins Herz. Denn was viele nicht verstehen: Der Verlust eines Babys, egal wie früh, ist immer noch ein Verlust.
Die Zukunft, die plötzlich fehlt
Sobald du erfährst, dass du schwanger bist, fängst du an, dir eine Zukunft auszumalen. Egal, ob du den Test allein im Bad machst, ihn deinem Partner freudestrahlend zeigst oder schon Namen überlegst. In deinem Kopf entsteht ein Bild. Wie es wohl aussieht, wenn dein Bauch wächst. Wie das Babyzimmer aussehen könnte. Wie du zum ersten Mal die kleinen Fingerchen hältst.
Dieses Bild ist da, noch bevor jemand außer dir überhaupt von der Schwangerschaft weiß. Und dann, von einem Moment auf den anderen, bricht alles zusammen. Der Test ist vielleicht noch positiv, aber dein Herz weiß es schon: Es wird diese Zukunft nicht geben.
Und genau das ist der Schmerz. Nicht nur der Verlust von etwas, das gerade erst begonnen hat – sondern der Verlust von all dem, was hätte sein können. Ein Lächeln, ein erster Schrei, ein erster Schritt.
Lass dir deinen Schmerz nicht kleinreden
Was mich so oft wütend macht: Warum versuchen wir, die Trauer bei frühen Verlusten kleinzureden? Warum glauben wir, dass nur eine „späte“ Schwangerschaft das Recht auf Trauer verdient? Aber Trauer hängt doch nicht an einem Zeitpunkt. Sie hängt an einer Bindung, und diese Bindung beginnt in dem Moment, in dem du erfährst, dass du ein Kind in dir trägst.
Niemand hat das Recht, deinen Schmerz zu bewerten. Es ist völlig egal, ob du dein Kind in der 6. Woche verloren hast oder in der 36. Woche. Die Liebe, die Hoffnung, die Zukunft, die du in dir getragen hast – all das ist mit diesem kleinen Wesen verbunden.
Männer trauern anders – und trotzdem genauso tief
Auch für Männer ist das Thema oft schwer. Sie erleben die Schwangerschaft anders, haben sie vielleicht nicht direkt gespürt wie die Frau. Aber das heißt nicht, dass sie weniger trauern. Vielleicht anders – stiller, im Verborgenen. Aber auch sie verlieren eine Zukunft, die sie sich ausgemalt haben.
Das macht sie nicht weniger betroffen. Auch Männer haben das Recht zu trauern, wütend zu sein, Fragen zu stellen. Verlust trifft uns alle, unabhängig von Geschlecht oder Rolle.
Verlust verbindet – lasst uns offener damit umgehen
Wenn wir anfangen, einander zuzuhören, ohne zu bewerten, können wir uns gegenseitig viel Leid ersparen. Jede und jeder sollte das Recht haben, um sein Kind zu trauern – egal, ob es drei Wochen oder drei Monate in uns war.
Verlust ist Verlust. Und die Träume, die wir für unsere Kinder hatten, sind nicht weniger wert, nur weil sie früh zu Ende gegangen sind.
Vielleicht können wir uns irgendwann darauf einigen, dass jede Trauer Raum verdient. Denn dieser Raum ist oft der erste Schritt, um langsam wieder nach vorne zu schauen.
Danke für's lesen
Eure Mira 💜
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